Reichsbürger*innen in Hildesheim

In diesem Artikel wollen wir uns dem Spektrum der Reichsbürger widmen und beleuchten, welche Strukturen und Personen in Hildesheim eine Rolle spielen. Die vorgestellten Gruppen eint die gemeinsame Vorstellung, das deutsche Kaiserreich würde in seinen Grenzen und Gesetzen der Reichsgründung von 1871 bzw. 1937 weiter bestehen. Sie lehnen die Gesetze und Verfassung der Bundesrepublik konsequent ab und bedienen sich Ideologieelementen des Monarchismus, Geschichtsrevisionismus, Antisemitismus, Rassismus, Esoterik und der Holocaustleugnung. Die Szene der Reichsbürger gilt als zersplittert und die Organisierung findet in kleineren sektenähnlichen Strukturen statt. Im Folgenden sollen die uns bekannten Hildesheimer Ableger vorgestellt werden.

Querdenker werden zu Reichsbürgern

Der aktuell wohl aktivste Teil an Reichsbürgern in Hildesheim kommt aus der Querdenkenszene. Einzelpersonen und lose Zusammenschlüsse von Verschwörungsideolog*innen steigerten sich im Laufe der Coronapandemie in eine Welt der falschen Tatsachen und Verschwörungsmythen. So fällt der in Hildesheim verbliebene Rest der Pandemieleugner durch immer extremere Inhalte rechten, esoterischen und antidemokratischen Gedankenguts auf. Die wohl bekannteste Führungsfigur ist der alfelder Ex-Polizist Michael Fritsch, welcher für die Querdenken-Partei „Die Basis“ auf Listenplatz 1 in Niedersachsen für den Bundestag kandidierte. Auch bei ihm konnte eine zunehmende Radikalisierung vom Querdenker hin zum Reichsbürger beobachtet werden, bis er schließlich im Rahmen der bundesweiten Razzien mehrerer Geheimdienste zur Reichsbürgergruppe um Heinrich Reuß Anfang Dezember festgenommen wurde.

Michael Fritsch als Kandidat für die Querdenken-Partei „Die Basis“ zur Bundestagswahl 2021 Foto: Alfelder Zeitung

Doch im Sumpf der Hildesheimer Querdenken-Bewegung tun sich auch andere Einzelpersonen hervor. Bereits bei den Hildesheimer Montagsspaziergängen ist eine Gruppe aufgefallen, die besonders aggressiv auftrat und in den Telegram Chats rechte Inhalte platzierte. Tecwyn Williams wurde bereits mehrfach von uns in Bezug auf rechte Impfgegner erwähnt. Ebenfalls zu nennen sind Matthias Jünemann und Maik Juhe. Derzeit treten die beiden öfter auf verschiedenen Veranstaltungen der Querdenker, neuen Rechten und Reichsbürgerszene auf. So besuchten sie beispielsweise gemeinsam eine Demonstration der neuen Rechten um Jürgen Elsässer unter dem Motto „Ami go home“ am 26.11.2022 in Leipzig.

Maik Juhe (Links) und Matthias Jünemann auf einer rechten Demonstration in Leipzig

1871 Friedensboten – B1

Die Reichsbürger der Gruppe „1871 Friedensboten“ hatten das Format des stillen Protestes für sich entdeckt. Dabei stellen sie sich entlang von Bundesstraßen auf und halten ihre Fahnen in die Luft. In der Hildesheimer Region sammelten sich vom 13. November 2021 bis 2024 samstagmittags Reichsbürger aus Süd-Ost Niedersachsen an der B1 bei Groß Lafferde. Dabei standen die etwa 10 Personen mit Reichsfahnen auf dem Radweg und winken vorbei fahrenden Autos. Als Organisator gilt der Ilseder Karl Norbert Richter.

Karl Norbert Richter aus Ilsede ist der Anführer der Truppe

Ewiger Bund und VHD

Der Ewige Bund wurde 2018 gegründet und sieht sich in dem Glauben, der Kriegs- und Belagerungszustand von 1914 würde bis heute andauern. Um Mitglied der Organisation zu werden, muss man zunächst eine Grundlagenschulung absolvieren und seine Herkunft als Deutscher mit offiziellen Papieren nachweisen. Anschließend ist man verpflichtet sich beim Vaterländischen Hilfsdienst (VHD) zu melden. Dieser ist in 24 Armeekorpsbezirke aufgeteilt, wobei Hildesheim in den Bezirk 10 – Hannover fällt.

In Hildesheim ist der Ewige Bund bisher aufgefallen, als sie Kerzen am Galgenberg zu einem Gedenktag abstellten. Etwa 10 Hildesheimer*innen scheinen sich an der Organisation zu orientieren und führten eine Versammlung am 31.7.2022 am Bismarckturm in Hildesheim durch. Aufgerufen wurde vom Ewigen Bund an den Denkmälern mit Fackeln gegen „108 Jahre Belagerungszustand“ zu demonstrieren. Außerdem fand mindest ein Treffen des VHD in Barienrode bei Manuela Pflugmacher zu Hause statt.

Exilregierung deutsches Reich

Die 2004 gegründete Exilregierung Deutsches Reich sieht sich in Folge einer 2004 stattgefundenen „verfassungsgebenden Versammlung“ als die wirkliche Regierung. Als Reichskanzler wurde der Hildesheimer Norbert Schittke ernannt, der mittlerweile in Egenstedt (Landkreis Hildesheim) wohnhaft ist. Zuvor wohnte er in der Hildesheimer Oststadt, wo er bis zur Zwangsversteigerung der verwahrlosten Immobilie ein Kontaktbüro zur Reichsregierung betrieb. In jüngster Vergangenheit musste er sich wegen Urkundenfälschung vor dem Hildesheimer Amtsgericht verantworten, nachdem er eigene Pässe und Führerscheine verkauft hatte, wie die Hildesheimer Allgemeine Zeitung berichtete. Er ist Betreiber der Internetseite Friedensvertrag.info, auf der er seine Dekrete und Verschwörungsmythen publik macht.

Der Reichskanzler in Uniform

Germaniten

Die Germaniten sehen sich als einen unabhängigen Staat in den Reichsgrenzen von 1937, in dem das „indigene Volk der Gemaniten“ lebe. In Hildesheim haben die Germaniten im Rahmen einer 2022 stattgefunden Vortragstour Halt gemacht. Am 27.07.2022 fand in Bad Salzdetfurth eine geschlossene Veranstaltung mit etwa 40 Teilnehmenden aus Hildesheim, Braunschweig und Hannover statt, bei der die Rednerin Uta Brüne ihre Thesen zum Besten gab.

Die Referentin Uta Brüne links mit Teilnehmenden bei einem Vortrag der Germaniten am 27.07.2022 in Bad Salzdetfurth

Wer läuft denn da? Montagsspaziergänge in Hildesheim

Und wieder sind sie unterwegs: Leute, die Corona leugnen, mit Leuten, die antisemitische Verschwörungstheorien glauben, mit Leuten, die ein geschlossen rechtes Weltbild haben und gewaltbereit sind. Es folgt eine Einschätzung der Akteur*innen, sowie der neuen Aktivitäten:

Seit Dezember 2021 finden die sogenannten „Spaziergänge“ der Corona-Verharmloser*innen jetzt schon in Hildesheim statt. Aufgerufen wird dazu über verschiedene lokale Telegramgruppen sowie über die Telegramseite „Freie Niedersachsen“. Dieser Kanal informiert niedersachsenweit über die geplanten „Spaziergänge“. In Hildesheim kommen mittlerweile immer 200-300 Personen zusammen, wobei die Zahlen nicht mehr steigen, allem Anschein nach pendelt es sich hier ein. Ursprünglich trafen sich die Teilnehmenden auf dem Andreasplatz, der wird nun aber seit dem 03.01.22 von einer Gegenveranstaltung blockiert.

Deshalb sammelten sie sich erst hinter der Andreaskirche, mittlerweile ist das Ganze dynamischer gestaltet, es gibt verschiedene Gruppe, die meist in der Fußgängerzone aufeinander treffen und dann gemeinsam weitergehen. 

Auch in ihrer Routenwahl sind die Impfgegner*innen zwangsläufig dynamischer – weil sie in den letzten Wochen immer wieder erfolgreich von Antifas blockiert wurden, mussten sie ihre Richtung oftmals ändern.

Dass sich Akteure der extremen Rechten an den Corona-Protesten beteiligen, ist eine Kontinuität in Hildesheim. In unseren vergangenen Artikeln wurde dokumentiert, wie Johannes Welge im Mai 2020 auf der Kundgebung des FDP Politikers Jenz Stenzel sprechen durfte. An der Demonstration von Heidi Bolduan beteiligte sich am 23.10.2021 gleich der halbe Kreisverband von Die Rechte Braunschweig/Hildesheim.

Mindestens bei dem Spaziergang am 10.01.2021 beteiligten sich Joachim Sauermann und Ralf Kriesinger der AfD Hildesheim.

Als weiterer Teilnehmer ist der aus der NPD Hildesheim bekannte Marcus Griese aus der Neustadt zu nennen, der in der jüngsten Vergangenheit auch immer wieder Aufmärsche der Neonazis in Braunschweig besuchte.

Marcus Griese

Matthias Jünemann, der 2016 in Folge der Kölner Silvesternacht mehrere rassistische Kundgebungen auf dem Hildesheimer Marktplatz angemeldet hatte, tritt auch wieder in Erscheinung. So ist er in den Chats der Hildesheimer Querdenker zu finden und nahm auch mindestens am Marsch vom 17.1.22 teil. Dabei drohte er einer Person aus dem Gegenprotest Gewalt und Mord an.

Mathias Jünemann

Und auch eine Woche vorher, am 10.01.2022 kam es zu Bedrohungsszenarien von Seiten der „Spazierenden“. So wurden Gegendemonstrant*innen mit heißem Kerzenwachs bespritzt und mehrere Männer drohten mit ihren Fäusten. Außerdem fiel ein Mann namens Ralph Jaskolla auf, der mit einer ca 40 cm langen Metallstange bewaffnet, ebenfalls Gegendemonstrant*innen Gewalt androhte. Als die Polizei ihn daraufhin durchsuchte fanden sie ein Messer.

Ralph Jaskolla mit Metallstange und Messer bewaffnet.

Das Gewaltpotenzial auf den Veranstaltungen der Corona Verharmloser*innen nimmt zu. Im Allgemeinen herscht eine Stimmung, in der sich die selbst ernannten Rebell*innen zu allem befähigt und bemächtigt fühlen. So kommt es auch immer wieder zu Diskussionen und Handgemengen mit der Polizei. Gegenüber des Gegenprotestes fallen dann sämtliche Hemmungen. 

Neue Aktivität von „Die Rechte“

Wir dokumentieren die jüngsten Ereignisse rund um den KV Hildesheim/Braunschweig der extrem rechten Kleinstpartei „Die Rechte“ in Hildesheim.

Nachdem Antifaschist*innen am 11.9 zeitgleich zu in Braunschweig stattfindenden Kundgebungen von Die Rechte, eine Versammlung vor dem Haus des Johannes Welge abhielten, kündigte Welge an fortan in Hildesheim aktiv werden zu wollen.

Zunächst gab es einige Tage später ein Drohvideo vor dem Wohnhaus eines vermeintlichen Antifaschisten, in dem Johannes Welge und Dominic Brandes zu sehen sind.

Am 09.10 fand in Dortmund ein Aufmarsch von „Die Rechte“ statt, um an den verstorbenen Siegfried Borchardt zu gedenken. Im Anschluss daran betranken sich Johannes Welge, Dominic Brandes und René Scholtyssek im Einbecker Bierbrunnen am Hildesheimer Hauptbahnhof. Das Besäufnis ging in der Nordstadt-Kneipe „One Life“ weiter, wobei Dominic Brandes mehrfach Anwohner durch Erbrechen vor ihre Haustüre verärgerte.

Vergangenen Samstag kann man als den Höhepunkt der neuen rechten Aktivität in Hildesheim beschreiben. Mit 10 Personen wurde ein Infotisch in der Fußgängerzone vor Galeria Kaufhof von 12-13.45 durchgeführt. Dabei positionierte sich die Mehrheit der Faschisten strategisch in der gesamten Straße, um Andersdenkende zu verschrecken. Bereits hier trat die Gruppe sehr aggressiv auf.

2 Neonazis positionieren sich in einiger Entfernung zum Infotisch.

Im Anschluss an den Infotisch machte sich die Gruppe auf dem Weg zum Hildesheimer Hbf, um sich dem Querdenken Protest der in der Nordstadt lebenden Heidi Bolduan anzuschließen. Diese sah sich mit der Anwesenheit der Nazis einverstanden, sie durften am Ende des Zuges mitlaufen und am Ende sogar eine Rede halten.

Johannes Welge durfte über das Megafon des „Walk to Freedom“ eine Rede halten. Außerdem im Bild: Martin Kiese (BS), und Melissa Mittelstädt

Die Hildesheimer Allgemeine berichtete über dieses Ereignis.

1: Oliver Schmidt, 2: Jan Schmidt (BS), 3: Martin Kiese (BS), 4: Johannes Welge (Almstedt), 5: Aljoscha Raschke (Hildesheim/Alfeld), 6: Dominic Brandes (Goslar), 7: Pierre Bauer (BS), 8: Unbekannt, 9: Joshua Grothaus

Am Ende des Aufzuges kam es bei der Auflösung der Versammlung noch zu unschönen Szenen. Die Neonazis rannten grölend vom Bahnhofsvorplatz in die Bernwardstraße, wo sie Passanten schubsten und anmachten, die sie als politischen Feind ausmachten. Ein alleiniger Verkehrspolizist, der gerade eine Calzone verspeiste, wurde auf den Vorfall aufmerksam und alarmierte die Beweissicherungs und Festnahmeeinheit zur Hilfe. Die Neonazis flohen daraufhin in ein migrantisches Café, um sich vor der anrückenden Staatsmacht zu verstecken. Die BFE holte sie dort jedoch heraus und nahm die Personalien auf. Die Abreise der Neonazis erfolgte schließlich mit dem ICE nach Braunschweig.

Insgesamt machten die Rechten einen äußerst aggressiven Eindruck und versuchten gar nicht erst seriös rüber zu kommen. Sie waren zum Großteil nicht aus Hildesheim und verhielten sich entsprechend auch wie primitive Gästefans beim Fussball.

In Hildesheim war man solche Szenen seit 2015 nicht mehr gewohnt. Wie sich die Aktivitäten der Nazis weiter entwickeln, wird von uns beobachtet und dokumentiert werden. Wer die unbekannten Personen identifizieren kann, oder allgemein Infos hat, kann sich unter unserer Mail nazimelderhildesheim(@)riseup.net melden.

Naziprovokation am 08.03.20   

Am 08.03.20 wurde in Hildesheim unter dem Motto ‚Feministischer Streiktag‘ eine Demo mit 400 Teilnehmenden durchgeführt. Einige Nazis nahmen dies zum Anlass, um zu provozieren. So trafen bereits zu Beginn am Hauptbahnhof eine Gruppe von 6 Faschisten der Partei Die Rechte ein und machten Fotos von Teilnehmenden. Die Polizei unter Einsatzleiter Deutscher machte keine Anstalten die Provokateure fortzuschicken und maßregelte im Gegenteil eine Person, welche mittels Megafon auf die Nazis hinwies.

Bei den Nazis handelte es sich um 4 Personen aus Einbeck, nämlich Pascal Zintarra, Maurice Brosenne, Thorben Brosenne und Tobias Haupt; sowie Johannes Welge aus Bad Salzdetfurth und Aljosha Raschke aus Alfeld.

Maurice Brosenne, Thorben Brosenne, Aljosha Raschke, Pascal Zintarra, Johannes Welge, Tobias Haupt

Etwa 2 Stunden folgten die Faschisten dem Demozug und konnten nur dank antifaschistischer Intervention auf Abstand gehalten werden.

Bereits bei einer Demo zum Gedenken der Opfer des rechten Terroranschlags von Hanau, welche am 21.02.20 stattfand, hat der Hildesheimer Neonazi Achim Heide der Partei Die Rechte provoziert. Dieser konnte durch Antifas verjagt werden. Zuvor ist er gemeinsam mit einem ehemaligen Mitglied der Legion Hildesheim mit dem Fahrrad aus Richtung Moritzberg gekommen und war stark alkoholisiert. Seinen Pegel hat er anschließend im Einbecker Bierbrunnen am Bahnhof weiter erhöht.

Hier fand auch am 28.02 ein Saufgelage der Partei Die Rechte statt. Als Gast war der Neonazi Ronny Dammerow aus Hannover ebenfalls zu gegen.

Die Rechte scheint ihre Aktivitäten in Hildesheim zu erhöhen, auch wenn sie nur aus 4 Leuten besteht. Die Vernetzung in umliegende Städte scheint gegeben und insbesondere nach Einbeck stark zu sein. So war Die Rechte Hildesheim mit mehreren Leuten bei der Kundgebung des lokalen Ablegers der Partei am in Einbeck beteiligt und übernahm auch Ordnerfunktionen, so etwa am 29.02.2020.

Wir möchten an dieser Stelle daran erinnern, dass Die Rechte Johannes Welge 2016 aus der Partei geworfen hat, weil er mehrfachen Ehebruch begangen hatte und Drogen zu sich nahm. Sein langjähriger Freund und Kamerad Martin Schüttpelz hat sich seither von ihm abgewandt und ist nun in der JN aktiv.

Volkstrauertag 2019

Den jährlich stattfindenden Volkstrauertag nutzen Neonazis am 17.11.2019, um ihren Vorgängern von 1945 zu huldigen und nennen den Tag selbst „Heldengedenken“.

Die Stadt Hildesheim hat ihrerseits den Volkstrauertag dieses Jahr am Denkmal auf dem Nordfriedhof in Hildesheim stattfinden lassen. Hier waren vor allem Schülerinnen und Schüler des Adreanum, Mitglieder der Reservisten- und des Marinebunds, sowie lokale Politiker anwesend. Seitens der Rechten zeigte sich hier der AfD Stadtrat Michael Körber zu erkennen.

Gegen 14 Uhr fand sich am Grab des Faschisten Karl Münter auf dem evangelischen Friedhof in Nordstemmen eine Gruppe Neonazis aus Thüringen ein. Insbesondere sei hier Thorsten Heise zu nennen, welcher den SS-Vebrecher Karl M. zu einem „Zeitzeugenvortrag“ nach Leinefelde einlud. Es schien ein gutes und enges Verhältnis zwischen den Neonazis um Thorsten Heise und dem, an einem Massenmord im französischen Ascq beteiligten, Karl Münter gegeben zu haben. Heise legte einen Kranz nieder und besichtigte im Anschluss das Schloss Marienburg.

Beschriftung des Kranzes: Unserem Kameraden Karl – Treue um Treue Beschriftung2: Deine Kameraden vom 1.SS-PZ Korps und AB

Die NPD/JN mobilisierte in den Abendstunden zu ihrer Veranstaltung, welche ebenfalls Bezug auf Karl M. nahm, nach Ottbergen (Landkreis Hildesheim). An der Wallfahrtskapelle versammelten sich die Faschisten mit Fackeln. Anwohner riefen die Polizei, sodass die Personalien aller Beteiligten festgestellt wurden. Laut Presse seien die Beteiligten zum Großteil im Raum Braunschweig wohnhaft. Eine Kranzniederlegung am Kriegerdenkmal des Ortes konnte durch einen Platzverweis des engagierten Bürgermeisters verhindert werden. Es ist davon auszugehen, dass die Veranstaltung vorwiegend von den Faschisten aus Hoheneggelsen organisiert wurde.

Auch die Neonazis Tim Höfner (Fahne) und Patrick Weist (Schild) aus Hoheneggelsen beteiligten sich an der Demonstration in Hannover.
Links mit Fahne: Tim Höfner Rechts vor dem Kranz: Martin Schüttpelz beide JN und aus Hoheneggelsen
Martin Schüttpelz mit Headset als einer der Organisatoren der NPD Demonstration am 23.11.2019 in Hannover, welche unter anderem das Motto „Rache für Karl Münter“ hatte.

Hildesheimer Neonazis als Wegbereiter extrem rechten Terrors?

Spätestens Ende der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts entstehen im Umfeld der später, im Jahr 2000, verbotenen Neonaziorganisation Blood & Honour schwer kriminelle und terroristische Netzwerke. Mit Combat 18 („Kampfgruppe Adolf Hitler“) entsteht sogar ein eigener bewaffneter Arm. Kernkonzept des bewaffneten Kampfes von B&H ist der sogenannte „führerlose Widerstand“. Eine Gruppe, die genau nach diesem Konzept agiert hat, war der selbsternannte NSU, welcher bis zu seiner Selbstenttarnung im Jahr 2011 zehn Menschen ermordet hat und dutzende Banken überfiel. Außerdem ist der NSU für drei Bombenanschläge verantwortlich.

Dass der NSU dabei keineswegs isoliert agiert hat und bis zum Schluss über Kontakte in die Neonaziszene verfügte ist heute vielfach belegt. Viel mehr muss davon ausgegangen werden, dass es nicht den einen NSU gibt, sondern das der NSU nur eine von vielen bewaffneten Gruppen in einem extrem rechten Untergrund rund um B&H und C18 gewesen ist.

Der Mord am Kasseler CDU-Politiker Walter Lübcke macht auf tragische Art und Weise deutlich, dass dieser Untergrund weiterhin existiert und agiert. So bewegte sich sein mutmaßlicher Mörder Stephan Ernst im engeren Umfeld von Stanley Röske, einem der führenden Köpfe von Combat 18.

Um zu funktionieren braucht dieser extrem rechte Untergrund weit verzweigte und gut organisierte Strukturen und Netzwerke von Mitwissenden und Helfer*Innen. Erst letzten Monat hat das Rechercheprojekt „Hingeschaut“ auf ein solches Unterstützer*Innen-Netzwerk rund um die ehemaligen B&H-Strukturen in Hildesheim aufmerksam gemacht.

Und wenn Neonazis aus genau diesem Umfeld jetzt öffentlich rechten Terror verharmlosen und sich solidarisch hinter einen mutmaßlichen Terroristen aus dem Umfeld von C18 stellen, dann ist das ein guter Grund noch einmal ganz genau hinzuschauen.

Worum geht’s?

Neonazis um die Partei Die Rechte und den langjährigen Neonazi Dieter Riefling mobilisieren für Samstag den 27.07.2019 nach Hildesheim. Zum Anlass nehmen sie sich die aus ihrer Sicht vorschnelle Forderung nach einem Verbot von Combat 18, sowie die Berichterstattung im Mordfall Walter Lübcke.

Als ehemaliger Kader der verbotenen Neonazipartei „FAP“ verfügte Dieter Riefling früh über sehr gute Kontakte in die Neonaziszene. Seine Karriere führte ihn durch die verschiedensten Gruppierungen, Parteien und Vereine. Zwischenzeitlich war er Organisationsleiter von B&H. Die Position des Organisationsleiters entstand auf Druck der Hildesheimer B&H-Gruppe um Hannes Franke und Johannes Knoch. Während der deutsche Ableger von B&H Ende der 90er Jahre an der Frage Geld oder Politik zu zerbrechen drohte, setzten sie richtungsweisende Impulse zur Umformung von B&H in eine politische Kampfgemeinschaft.

Zur selben Zeit, im Jahr 1998, zog der im NSU-Prozess verurteilte Neonazi und Terrorhelfer Holger Gerlach von Jena nach Hannover. Kurz nach seinem Umzug tauchte er im Umfeld von B&H Hildesheim auf und organisierte 1999 gemeinsam mit Johannes Knoch und weiteren Hildesheimer Neonazis ein Rechtsrock-Konzert in Hildesheim. Eine Band, die an diesem Abend auftrat, war das Jenaer Liedermacher-Dou „Eichenlaub“. Mit ihrem Lied „5.Februar“ bezieht sich „Eichenlaub“ auf die untergetauchten Terroristen vom NSU. Ein Videomitschnitt belegt das Dieter Riefling den Abend damals moderierte.

Rechtsrock-Konzerte blieben nicht die einzigen gemeinsamen Aktivitäten von Holger Gerlach und den Hildesheimer Neonazis. Nachdem Dieter Riefling von Neonazis aus dem Umfeld von Thorsten Heise krankenhausreif geschlagen wurde, weil diese verhindern wollten, dass er das Gelände von Thorsten Heise betrat, nahm die Polizei noch am selben Abend eine Gruppe von rund 20 bewaffneten Neonazis fest. Sie waren auf dem Weg sich für den Überfall auf Dieter Riefling zu rächen. Unter den festgenommenen befand sich auch Holger Gerlach.

Das Verhältnis zwischen den Neonazis um Thorsten Heise und der Hildesheimer B&H-Gruppe scheint unter dieser Auseinandersetzung nicht gelitten zu haben. Im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss gab ein Aussteiger aus dem Rechtsrockmilieu an, dass Heise und die Hildesheimer gute Kontakte pflegten. Der wichtigste Besuch dürfte demnach der Besuch der Hildesheimer Delegation zur Hochzeitsfeier von Thorsten Heise im Jahr 1999 gewesen sein. Damals fuhren Hannes Franke und Holger Gerlach gemeinsam zu der Hochzeit. Gerlach hatte den Auftrag Thorsten Heise nach Hilfe für die untergetauchten NSU-Terroristen zu fragen.

Ein weiterer Neonazi der sich in Hildesheimer Neonazistrukturen bewegte ist der beste Freund von Holger Gerlach. Alexander Scheidemantel gehörte in den 2000er Jahren zwischenzeitlich einer Hildesheimer Kameradschaft an.

Im Jahr 2006 stellte seine Frau Sylvia Scheidemantel der untergetauchten Beate Zschäpe ihre Krankenkassenkarte zur Verfügung und ermöglichte so ein Fortbestehen des NSU. Bei ihrer Aussage im NSU-Prozess wollte das Gericht wissen ob sie Johannes Knoch, Hannes Franke und Marc Borowietz kannte. Auch wenn sie angab sich nicht erinnern zu können wird an dieser Stelle deutlich, dass es gleich mehrere Neonazis im Umfeld der Hildesheimer B&H-Division gegeben hat, die dem Umfeld des NSU zuzurechnen sind.

Dafür spricht vor Allem die enge Freundschaft zwischen der Familie Eminger und Hannes Franke. Der im Jahr 2002 nach Groß Düngen im Landkreis Hildesheim gezogene Maik Eminger ist der Bruder des wichtigsten Unterstützers des NSU und im NSU-Prozess verurteilten André Eminger. Im Jahr 2004 besuchten Maik Eminger und Johannes Knoch eine Kranzniederlegung in Gronau (Leine) (Landkreis Hildesheim) und Hannes Franke war regelmäßig mit den beiden Brüdern bei Treffen der völkischen und ultrarassistischen „Artgemeinschaft“.

Die „Artgemeinschaft germanische Glaubensgemeinschaft“ vom inzwischen Verstorbenen Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger diente nach dem Verbot von B&H als Auffangbecken für B&H-Kader und steht in enger Verbindung mit dem extrem rechten Terror des NSU und auch von dem Netzwerk um Stephan Ernst. Nicht nur Ernst selbst war Mitglied in der Artgemeinschaft, 1997 soll Beate Zschäpe ein Treffen der Artgemeinschaft besucht haben. Nach seiner Verurteilung fand Ralf Wohlleben, ebenfalls Unterstützer des NSU Zuflucht auf dem Hof des Vorsitzenden der Artgemeinschaft. 

Noch im Jahr 2012, bereits nach der Selbstenttarnung des NSU und nach Bekanntwerden der Mitwirkung von Andre Eminger besuchten die Eminger-Brüder das Hildesheimer Tattoostudio „Last Resort“ von Johannes Knoch und wurden dort, nach Darstellung vom ZDF-Magazin Frontal 21, herzlich begrüßt. Der Versuch von Hannes Franke juristisch gegen diese Darstellung vorzugehen kassierten die Gerichte ein.

Auch schon vor bekannt werden des NSU waren Mitglieder der Hildesheimer B&H-Division eng mit rechtsterroristischen Strukturen verbandelt. Während der Ermittlungen zur Gruppe „Combat 18 Pinneberg“ tauchten Hildesheimer Neonazis auf Telefonmitschnitten auf. Auf einer Aufnahme ist Johannes Knoch zu hören, wie er detaillierte Anweisungen zum Umgang mit „abtrünnigen“ Neonaziversänden gibt. Als „C18 Pinneberg“ letztlich 2003 ausgehoben und verboten wird finden die Ermittler neben Todeslisten vor allem diverse Schusswaffen. Combat 18 war in der Vergangenheit auch wiederholt in Hildesheim aktiv. Der erste dokumentierte Vorfall geht auf das Jahr 1999 zurück. Dort tauchten am ehemaligen Haus der Jugend Plakate auf, auf denen Combat 18 antifaschistische Aktivist*Innen mit dem Tode bedrohte. Im Jahr 2016 sind mehrere Überfälle auf migrantische Taxifahrer im Landkreis Hildesheim bekannt geworden. Die maskierten Täter gaben sich den Opfern gegenüber als Aktivisten von Combat 18 zu erkennen.

Unter all diesen Gesichtspunkten wird eines deutlich: Wenn Hildesheimer Neonazis jetzt öffentlich Ermittlungen in Umfeldern des extrem rechten Terrors verurteilen, dann tun sie das vor allem aus eigenen Interessen. Sie befürchten selbst in den Fokus der Ermittlungen zu geraten. Ein Verbot und die damit einhergehenden Ermittlungen könnten einige sicherlich schwer belasten und hätte für sie unkalkulierbare Folgen. Der extrem rechte Untergrund in dem sie sich bewegen ist kein zufällig und lose zusammengewürfelter Haufen von Neonazis. Viele von ihnen waren Mitglieder von B&H und sie alle verbindet die elitäre Vorstellung der „weißen Herrenrasse“. Die meisten von ihnen waren oder sind bereit ihre Ideologie und die eigenen Interessen mit (tödlicher) Gewalt durchzusetzen oder andere bei der Durchsetzung der gemeinsamen Ziele zu unterstützen.

Quellenangaben und weitere Informationen findet ihr auf der Internetseite vom antifaschistischen Rechercheportal Projekt Hingeschaut. Dort werden Texte zu militanten und rechtsterroristischen Strukturen in Niedersachsen und Norddeutschland veröffentlicht.

www.hingeschaut.blackblogs.org

Nazihaus in Hoheneggelsen

                                  

Am 24.11.2018 haben Antifas in Hoheneggelsen flächendeckend eine Broschüre über Naziaktivität im Ort verteilt.

Siehe: https://web.archive.org/web/20181125075933/https://de.indymedia.org/node/26283

In der Bahnhofsstr 10 haben sich Neonazis der Gruppe JN Niedersachsen, bzw. ehemals „Die Rechte Hildesheim“ eingemietet. Aus der Broschüre lassen sich die Infos entnehmen.

Zu den Personen:

Der Neonazi Tim Höfner aus Hoheneggelsen ist bereits 2015 durch seine Beteiligung an Aufmärschen der Partei „Die Rechte“ aufgefallen. Seit 2017 bewegt er sich im Umfeld der JN Braunschweig.

Tim Höfner mit JN Flagge

Anna Schneider

Anna Schneider wohnte in dem Nazihaus. Mittlerweile ist sie nach Nordstemmen verzogen. Sie ist Mitglied der JN.

Links: Lisa Virchow, Rechts: Anna Schneider
Auf dem JN Europakongress in Riesa

Lisa Virchow

Lisa Virchow aus Hoheneggelsen/Söhlde trat besonders 2015 bei Treffen, Aktionen und Demontrationen der Partei „Die Rechte“ in Erscheinung. Sie ist in einer Beziehung mit Martin Schüttpelz und hat ein Kind mit ihm. Sie ist mittlweile mit Schüttpelz in den Harz verzogen.

Martin Schüttpelz

Martin Schüttpelz beteiligt sich an Aufmärschen und Veranstaltungen und organisiert diese maßgeblich mit. Er blickt auf eine länge Karriere in der Naziszene zurück, denn er war bereits bei verschiedenen Spektren der extremen rechten aktiv.

Angefangen als Glatze in einer Braunschweiger Kameradschaft, pflegte er eine gute Freundschaft mit dem Faschisten Johannes Welge. Gemeinsam mit ihm gründete er Ende 2014 einen Hildesheimer Kreisverband der Partei „Die Rechte“, welcher bis etwa Mitte 2016 existierte. Schüttpelz war dabei stets Vorstand und auch Admin der Facebookseite. Im Anschluss daran organierte sich Schüttpelz zusammen mit verschiedene Neonazis aus Hoheneggelsen/Söhlde zur sog. „Nachbarschaftshilfe Söhlde“ – einem Versuch in der Dorfgemeinschaft rechte Propaganda unter bürgerlichem Gewand zu verbreiten. Kurz darauf richtete sich der Aktivitätsschwerpunkt auf den Bereich Salzgitter, wo gemeinsam mit der Braunschweiger JN die sog. „Schutzzone Salzgitter“ aufgebaut wurde. Über mehrere Monate patroullierten Faschisten in Bürgerwehrmanier durch die Stadt. Anschließend galt Schüttpelz’s als Vollmitglied der Jungen Nationalisten und organisierte Märsche, Aktionen, Heldengedenken und Demonstrationen.

Mittlerweile hat es ihn seine Freundin Lisa Virchow und das gemeinsame Kind in den Harz verzogen. Auch hier ist er aktiv und gilt als Mitglied der Gruppe „Harzrevolte“.

Martin Schüttpelz

Patrick Weist

Der Neonazi aus der Gemeinde Söhlde ist seit min. 2015 aktiv. In den Jahren 2015/2016 war er Teil der Gruppe „Die Rechte Hildesheim“ und beteiligte sich an verschiedenen Aufmärschen. Seit 2017 ist er zunehmend im Umfeld der JN Braunschweig aufgefallen und hat sich dort an Aktionen beteiligt.

Patrick Weist (rechts) auf einer Kundgebung der JN Niedersachsen am 3.8.19 in Braunschweig

Aktualisierung 2026: Keiner der genannten Neonazis wohnt mehr in der Immobilie.

 

Ruhiges Hinterland? Braunes Hinterland?

Wie bereits angekündigt, hatten wir seit den letzten Berichten weiterhin ein Auge auf das Nazihaus in Almstedt. Doch nicht nur dort, sondern auch in Dörfern wie Söhlde, Diekholzen, Sibesse oder Bockenem scheinen sich Rechte wohl zu fühlen und nutzen die Dorfruhe für Partys, Treffen oder den Betrieb von Versandhäusern. Im Folgenden wollen wir einige Geschehnisse aus der jüngsten und längeren Vergangenheit zusammentragen.

Almstedt:

Hier leben gemeinsam in einem Haus die Familie Hedermann und die Familie Welge, welche die dritte leerstehende Wohnung im Haus als Partyraum für die rechte Szene nutzen. In diesem Jahr spielten dort mehrfach der Reichstrunkenbold, der Liedermacher „Gassenraudi“ aus Braunschweig und der Liedermacher „Preußens Standarte“.

Links: Joachim Hedermann Mitte: Kevin Bruce Bullinger (Salzgitter) Rechts: Nicole Hedermann

Seit dem letzten Bericht war Johannes Welge erneut auf einigen Demos und Aktionen der extremen Rechten. Auffällig ist, dass Welge mehr im Ruhrgebiet in Erscheinung tritt und in der lokalen Naziszene eher unbeliebt ist. Dies dürfte an seiner guten Beziehung zum Kölner Neonazis Jan Fartas liegen, wohingegen Dieter Riefling oder die JN Braunschweig anscheinend nicht gut auf Welge zu sprechen sind.

Jan Fartas, Lisa Welge, Johannes Welge beim Tag der deutschen Zukunft in Karlsruhe

Neben Demos hatte sich Welge in den Kopf gesetzt, die Kameradschaft „Freie Kräfte Niedersachsen Ost“ zu reaktivieren und traf sich diesbezüglich Ende März in Salzgitter Lebenstedt unter dem Motto „Eine Bewegung“. Bei dem Regionaltreffen soll Hannover durch Patrick Illmer, Hildesheim durch ihn selbst, Salzgitter durch Tobias Weiss, Braunschweig durch Markus Jäkel, Gifhorn durch Benjamin Baginski und Wolfsburg durch Martin Schüttpelz vertreten worden sein. Seit März haben sich diesbezüglich aber keine neuen Erkenntnisse ergeben, weshalb dieser Versuch einer Restrukturierung vermutlich gescheitert ist.

Mitte des Jahres 2017, am 8.7., kam es in Almstedt zu kuriosen Szenen. An diesem Abend fand erneut ein Nazizusammentreffen im dritten Stock des Hauses der Fam. Welge und Hedermann statt, bei dem die Anwesenden sich hemmungslos unter dem Motto „Sangriaparty“ betrunken haben und zu Musik der Band „Fremd im eigenen Land“ feierten. Es konnte beobachtet werden wie Neonazis mit „Heil Hitler“- Rufen durchs Dorf gelaufen sind und Pyrotechnik zündeten. Nach der Party schien der Heißhunger die Faschisten überkommen zu haben. Die weiteren Geschehnisse lassen sich aus dem Feuerwehrbericht und Augenzeugenberichten rekonstruieren. So kam es in der Nacht zu einem Wohnungsbrand im Stock der Familie Hedermann, der die gesamte örtliche Feuerwehr auf den Plan rief und sogar den Bürgermeister veranlasste nachts um 3 Uhr dem Nazihaus einen Besuch abzustatten. Anscheinend ist eine völlig betrunkene Person beim Kochen eingeschlafen und hat so den Brand entfacht. Die Feuerwehr konnte das Feuer löschen, bevor es sich auf die weiteren Bereiche des Hauses ausbreitete. Außerdem haben die Kameraden im Eifer des Gefechts ganz vergessen, dass noch ein schlafender Faschist im dritten Stock schlummerte. Die Feuerwehr hat diesen durch Einsatz von Wärmebildkameras finden können. Die Wohnung soll nach dem Brand unbewohnbar sein, sodass die Familie bei den Nachbarn untergekommen zu sein scheint. 

Mittlerweile wird das Haus jedoch wieder regulär von Faschisten als Partylocation genutzt, zuletzt von der Gruppe „Angriff Niedersachsen“. So gab es am 14.10.17 ein weiteres Konzert mit circa 30 anwesenden Gästen. Welge wurde beobachtet, wie er bereits um 18:30 sichtlich angetrunken die ersten Gäste mit Hitlergruß begrüßte. Es spielte erneut der „Reichstrunkenbold“ sowie „Kevin/Brigade 88“. 

Einladungsflyer zum Balladenabend

Aus dem Haus hallten noch bis tief in die Nacht Parolen wie „Sieg Heil“, „Deutschland den Deutschen“ oder „Juden raus“. Johannes Welge wurde an diesem Tag bereits nachmittags am Hildesheimer Hauptbahnhof gesichtet und dabei beobachtet, wie er mit dem Neonazi und Saufkumpanen Jens Wolpers über eine Musikbox Rechtsrock hörte.

Söhlde:

Am 28. Januar 2017 feierte der Neonazi Martin Schüttpelz seinen Geburtstag zusammen mit dem Braunschweiger Neonazi Felix Hauschild in der Gemeinde Söhlde nach. Es waren ca. 80 Personen aus Niedersachsen und umliegenden Bundesländern vor Ort. Es spielten die Liedermacher „Kommando Freisler“ (Solo) sowie die Liedermacher „Tobias“ und „Piatmar“. 

Söhlde und umliegende Ortschaften sind auch die einzigen Orte im Landkreis Hildesheim, in denen zu den Bundestagswahlen Plakate der NPD aufgehängt wurden. Insbesondere vor der dortigen Flüchtlingsunterkunft wurden zahlreiche rassistische Parolen plakatiert.

Die Facebookseite „Nachbarschaftshilfe Söhlde“ wird laut Impressum von dem Neonazi Tim Höffner betrieben. Hier werden rassistische Ressentiments geschürt und versucht, ein völkisches Dorfleben als etwas Erstrebenswertes zu verkaufen.

Links: Patrick Weist, Tim Höfner, Martin Schüttpelz bei einer Kundgebung der NPD a 4.4.17 in Salzgitter

Holle/Baddeckenstedt:

Hier veranstalteten Neonazis aus Niedersachsen am 19.11.2017, dem Volkstrauertag, eine geschichtsrevisionistische Kundgebung. Über diese Aktion ist bisher wenig bekannt und wir würden uns über Zuschriften freuen.

Diekholzen: 

In Diekholzen unterhält Bertino (Tino) Adler einen Onlineversand der extremen Rechten. Zu dieser Erkenntnis kommt auch der Verfassungsschutz alljährlich, besonders viel ändern tut sich an der Situation seit Jahren jedoch nichts.

Bertino Adler

 Am Rande eines Waldstückes liegt eine alte Villa, welche sich Adler Anfang des Jahrhunderts kaufen konnte, nachdem er im Lotto gewann. Seit 2005 unterhält er den „Adler-Versand“, einen Onlinehandel, in dem es von Sleipnir, über Kategorie C und vielen Grauzonen- und Rechtsrockbands, alles gibt was ein Naziherz begehrt. Uns sind auch Treffen von der „German Defence League“ in Adlers Domizil bekannt. Zu Adlers genauen Aktivitäten in der „German Defence League“ und deren Aktivität in Hildesheim berichten wir an dieser Stelle nicht, dies würde den Rahmen sprengen.

Sibesse:

Bei einer Antifa-Dorftour 2010 wurde sowohl in Diekholzen demonstriert, als auch die Ortschaft Sibesse angefahren, um dort den Nordwelt-Versand in die Öffentlichkeit zu rücken. Seit 1999 betreibt Oliver Bode diesen Laden mit Versand. Jener war seines Zeichens einmal Vorsitzender des Hildesheimer Kreisverbandes der „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ und jahrelang in der Nazi-Skinhead-Szene aktiv. Er wurde Ende 1998 mit Jürgen Rieger als Anwalt (Nazianwalt, Schriftsteller der „Artgemeinschaft“ u. Ehm. Landesvorsitzender NPD Hamburg) wegen Volksverhetzung verklagt. Auch wenn in seinem Versand vorwiegend alles Mögliche für Hobby Wikinger und Germanen verkauft wird, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Auswahl. Ob Bücher von Jürgen Rieger, „Klagt nicht Kämpft“-Souvenirs (Losung der Wehrmachtsfallschirmjäger) oder gar Waffen wie Armbrüste, Teleskopschlagstöcke oder Messer, kommen auch Neonazis hier auf ihre Kosten.

Bockenem:

Einem sehr ähnlichen Gewerbe gingen bis 2008 auch die Neonazis Axel Buchheister und Dirk Niebur nach, indem sie aus Bockenem heraus den e-ok-versand betrieben. Große Bekanntschaft haben die beiden gewonnen, nachdem sie im November 2008 gemeinsam mit Mario Messerschmidt mehrere schwere Straftaten begangen hatten. So gestanden die drei Neonazis damals vor Gericht einen Geburtstag in der Nachtbar „Strip“ gefeiert zu haben. Als einer der Neonazis in das Treppenhaus der Bar urinierte, entfachte sich ein heftiger Streit mit dem Kampfsport erprobten Besitzer der Bar. Im Handgemenge nahm sich Mario Messerschmidt eine abgesägte Pumpgun zur Hilfe und feuerte einen Schuss ab, der vom Barkeeper durch einen Schlag gegen den Gewehrlauf abgewehrt werden konnte. Infolgedessen mussten die Neonazis eine Tracht Prügel einstecken und rächten sich, indem sie an einer nahegelegenen Tankstelle Benzin mit Kreditkartenzahlung auf den Namen Niebur kauften und daraus zwei Molotowcocktails bastelten. Diese wurden an die Fassade der Bar geschleudert und entfachten einen Brand, welcher noch rechtzeitig gelöscht werden konnte. Das Trio musste eine Haftstrafe absitzen. Organisiert waren die drei Neonazis damals in der Kameradschaft Northeim. Des Weiteren betrieben Axel Buchheister und Dirk Niebur von Bockenem (Landkreis Hildesheim) aus den sogenannten „e-ok-versand.eu“. Mittlerweile ist nur noch Niebur als Inhaber angegeben. Über weitere Informationen zur (aktuellen) Aktivität von Buchheister und Niebur würden wir uns über Email freuen.

Zusammenfassend halten wir es für notwendig, faschistische Aktivitäten auch im Umland offenzulegen und zu bekämpfen. Für ersteres freuen wir uns immer über Infos und Tipps, welche uns an die hinterlegte Emailadresse geschickt werden können.  

Wir behalten die Situation auch weiter im Auge und freuen uns auf eure Mithilfe!

Keine Nazis in der Kreisliga?

Beim Spiel der Hildesheimer Kreisliga zwischen dem VfB Bodenburg und Concordia Hildesheim am 3.09.17 kam es zu einem Spielabbruch, der durch rassistische Äußerungen provoziert wurde. Der Verein Concordia Hildesheim hat Vereinsmitglieder aus verschiedenen Herkunftsländern und Religionen. Dass Fußballspieler, die nicht ins rassistische Weltbild passen, auf den deutschen Sportplätzen besonders in den unteren Ligen oft angefeindet und beleidigt werden, ist leider keine Seltenheit. Auf den Sportplätzen trifft sich jedes Wochenende ein Querschnitt der Gesellschaft, den die Faszination Fußball vereint. Dass es bei dem Sport oft hitzig zu geht, ist bekannt, doch auch rassistische Ressentiments werden hier oft besonders scharf geäußert.

So geschehen beim oben genannten Spiel. Weil wir selbst nicht auf dem Platz waren, wollen wir den genauen Ablauf des Spielabbruchs nicht rekonstruieren. Was sich aber genau nachlesen lässt, sind die (teilweise offiziellen) Reaktionen im Netz. Der VfV Bodenburg beteuert in einer Stellungnahme kein Verein für Rassismus und rechte Hetze zu sein. Was sich ja daran ausschließe, dass man selbst Geflüchtete im Verein spielen lasse. Im Folgenden wollen wir nun anhand eines Beispiels vorstellen, dass sogar teilweise Neonazis sich in solchen Verein durchaus wohlfühlen können und Vorfälle wie oben genannt nicht vom Himmel fallen.

Phillip Meibaum, Betreuer der zweiten Herren vom VfB Bodenburg, war früher in der Hildesheimer Neonaziszene aktiv. Auch heute scheint er die Ideologie weiterzuverfolgen, was anhand von Taten und Äußerungen nachzuvollziehen ist. Phillip Meibaum war vor einigen Jahren im Umfeld von Dieter Riefling in extrem Rechte Aktionen in Hildesheim involviert. Als Beispiel sei hier eine Störaktion von Faschisten am 20.05.2010 genannt, bei der, am Rande einer Infoveranstaltung im Gewerkschaftshaus Hildesheim, Neonazis um Dieter Riefling provozieren wollten. Mit von der Partie war, neben weiteren einschlägig bekannten Neonazis, auch Phillip Meibaum.

Störaktion von Neonazis gegen eine Gewerkschaftsveranstaltung 2010
Phillip Meibaum

Am 25.2.2012 kam es deutschlandweit zu Demonstrationen gegen das Acta-Abkommen, welches Freiheitsrechte einschränken sollte. Neben einer linken Demonstration kam es an diesem Tag in Hildesheim auch zu einer rechten Demonstration, an der Neonazis aus ganz Niedersachsen teilnahmen und in der Stadt Jagd auf Linke machten, unter ihnen war kein Geringerer als Phillip Meibaum.

Auch in der jüngsten Vergangenheit ist er in Hildesheim durch rechte Aktivität auffällig geworden. So verprügelte er im Dezember 2016 einen jungen Antifaschisten in der Kulturfabrik unter Einsatz einer Glasflasche. Auch in den sozialen Medien lassen sich eindeutige Hinweise auf rechte Aktivität und Gedanken feststellen. So posierte er auf Facebook neben Patrick Heise, dem Sänger der rechten Band „Endstufe“ und rechten Hooligans der Hannoveraner Gruppe Royal Riot. Meibaum scheint selbst teil der Hannoverschen Ultraszene zu sein.

Facebook-Profilbild Paule Meibaum mit Endstufe Sänger

Auch auf seinem Instagramprofil lässt er gern seine rechte Gesinnung verlautbaren. So kommentiert er ein linkes Spruchband von HSV-Fans mit „Zeckenschweine“.