Rote Linie Hildesheim

Am kommenden Samstag den 27.04 mobilisiert die „Rote Linie Hildesheim“ zu einem bundesweiten Aufmarsch nach Hildesheim. Um einen Überblick über die Organisation zu verschaffen, haben wir ein paar Informationen zusammen getragen:

Zum Aufmarsch:

Die Versammlung beginnt um 13 Uhr am Angoulemeplatz unweit des Hildesheimer Hbf. Es können zwischen 200-400 Personen erwartet werden, die nach der Auftaktkundgebung einen sehr langen Marsch durch die Stadt veranstalten werden, eine genaue Route ist noch nicht bekannt. Die Moderation soll von „Sven und Andre (Bielefeld steht auf)“ gemacht werden. Mehrere Trommelgruppen wie die extrem rechten „Oberhavelner Trommler“ sind zu erwarten. Als Highlight auf der Bühne wird der Musiker Esteban Cortez beworben. Bei der letzten Veranstaltung traten auch vereinzelt Neonazis in Erscheinung. Außerdem sind mehrere Fotograf*innen angekündigt, die sicherlich auch versuchen werden, den Gegenprotest abzufilmen.

Die Orga:

Die Rote Linie Hildesheim umfasst im Chat 100 Personen, auf der Straße etwa 30-50 Personen und im Orgateam etwa 10 Personen. Jeden Montagabend läuft die Rote Linie durch die Hildesheimer Innenstadt. Sie starten jeweils um 18.00 Uhr am Zuckerhut und enden am Hindenburgplatz. Ein Großteil der Teilnehmenden reist dazu jeden Montag in Autos aus dem Landkreis HI, H und PE an. Im Anschluss des Spazierganges findet sich das Kernteam in einer Gaststätte in der Wollenweberstraße zur Besprechung ein. Zusätzlich zu den Montagsspaziergängen in Hildesheim gibt es eine enge Vernetzung zur Roten Linie Hannover, an deren Märschen sich die Hildesheimer*innen wiederum regelmäßig beteiligen. Über die Montagsspaziergänge hinaus hat die Gruppe versucht sich bei den Bauernprotesten anzubiedern. Zudem beteiligte sich die Rote Linie Hildesheim an einer Friedensdemo zu Ostern in Bockenem.

Eine neue Art der Veranstaltung fand zum ersten Mal am 13.04.2024 auf dem Angoulemeplatz statt: Die „Galerie der Aufklärung“. Dabei handelt es sich um eine Art Ausstellung, die es so auch schon in anderen Städten gibt. Aufgehängte Infozettel, Bilder und Schilder sollen so die kruden Verschwörungstheorien der Querdenkenbewegung in der Stadt präsent machen.

Personalstruktur:

Wir wollen die Führungsfiguren der Gruppe, die sich nun seit langer Zeit beteiligen und insbesondere durch ihren rechten Einschlag in der Gruppe auffallen, gern präsentieren:

Robin Schröder

Die Führungsfigur der Hildesheimer Roten Linie HI bis 2025 ist Robin Schröder aus Diekholzen. Dieser trat bislang als Anmelder in Erscheinung und produziert auch die Videos der Gruppe, die auf Youtube und Telegram verbreitet werden. Er kann aktuell als organisatorische Führungsfigur angesehen werden, so wird auch in dem Gruppenchat deutlich: Was Robin Schröder sagt, ist Gesetz. Während in ihrer Gesamtheit die Rote Linie Hildesheim nicht homogen rechtsextreme Positionen vertritt, lenkt Schröder den Diskurs deutlich in Richtung Queerfeindlichkeit, Demokratiefeindlichkeit, Russlandfreundschaft, Rassismus und Antisemitismus.

Robin Schröder

Ingo Bittner

Als enger Vertrauter und ebenfalls sehr aktives Mitglieder mit Aggressionsproblem kann Ingo Bittner aus Hannover angesehen werden. Dieser ist insbesondere für das Einschüchtern von Journalist*innen und Gegenprotest bekannt. Vor kurzen musste er sich aufgrund eines gefälschten Maskenbefreiungsattestes vor dem Amtsgericht Hannover verantworten.

Ingo Bittner

Anja Sucker

Ebenfalls aus Hannover und im Führungskreis der Roten Linie Hildesheim ist Anja Sucker. Sie ist bei nahezu sämtlichen Aktionen zugegen und hatte insbesondere bei der „Galerie der Aufklärung“ eine Führungsrolle in der Organisation übernommen.

Anja Sucker

Stefan Schmidt

Der Dachdecker Stefan Schmidt aus Hildesheim ist seit Beginn der Gruppenaktivität dabei und fährt auch gern auf Aufmärsche der Szene in andere Städte.

Rechts: Stefan Schmidt

Ralph Jaskolla

Ralph Jaskolla fällt schon seit Längerem durch sein aggressives Verhalten auf. Schon vor einigen Jahren attackierte er junge Aktivist*innen im Gegenprotest mit einer Metallstange. Mittlerweile zeigt sich seine rechte Gesinnung auch durch Aufkleber und Sprüche immer deutlicher.

Ralph Jaskolla

Von den Querdenker*innen gehen immer wieder Bedrohungen aus. Sie drangsalieren regelmäßig linke Personen auf offener Straße. Bei einer Klimademo von Fridays for Future 2023 machten sie Aufnahmen von den Demonstrierenden, anscheinend als Versuch einer Art Anti Antifa. Außerdem versuchten sie im November 2023 eine linke Veranstaltung zu stören und zu provozieren, konnten aber davon abgehalten werden.

Ausblick:

Die Gruppe hat eine gefestigte und funktionierende Orgastruktur und eine Infrastruktur mit Fahrzeugen, Schildern, Kameras und Propaganda, die es ihnen ermöglicht weiterhin ihren Aktivitäten nachzugehen. Seit Beginn der Querdenkenbewegung in Hildesheim im Jahr 2020 haben sich die Teilnehmer*innen immer weiter radikalisiert. Mittlerweile finden sich hier eindeutig nicht mehr nur rechte, sondern klar rechtsextreme Inhalte sowohl in internen Telegramgruppen als auch auf ihren Demonstrationen. Immer wieder laufen auch organisierte Neonazis bei den Aufmärschen in Hildesheim mit.

Querdenken Proteste HI

Wir dokumentieren die jüngsten Entwicklungen hinsichtlich der Hildesheimer „Querdenken“ Szene. In einem älteren Beitrag finden sich weitere Infos zu Struktur und Ausrichtung der Hildesheimer Querdenker.

Angemeldet und angeführt von Heidi Bolduan aus der Nordstadt finden seit Monaten jeden Samstag Demonstrationen der Hildesheimer Querdenker Szene statt. Es wird jeden Samstag um 14 Uhr am Hbf gestartet und mit 20-50 Personen eine kleine Runde durch die Innenstadt gelaufen, wobei für „die Rechte unserer Kinder“ demonstriert wird. Besondere Außenwirkung hat die Gruppe nicht. Im Kern sind es auch jeden Samstag die gleichen Personen. Als aggressiv fällt im Rahmen dieser Proteste immer wieder der ehemalige Volksschullehrer Tecwyn Williams auf.

Tecwyn Williams

Eine größere Mobilisierung blieb bisher aus, doch Anfang Dezember 2021 konnten die Querdenker noch einmal einen Erfolg erzielen. Die samstäglichen Spaziergänge wurden immer mehr zum Flop, zuletzt (24.12) waren nur noch 11 Personen anwesend. Stattdessen werden die Montagabende nun spannender:

Die „Freien Niedersachsen“, die ein Telegram Infokanal sind, organisieren mittlerweile in zahlreichen Städten und Dörfern im Landkreis Hildesheim Montagsspaziergänge. Wir haben sämtliche Spaziergänge im Landkreis am 27.12 angeschaut und folgendes beobachtet:

1. Hildesheim:

In Hildesheim startete der „Spaziergang“ um 18.00 Uhr an der Andreaskirche. Beworben wurde auch diese Veranstaltung vorher von den „Freie Niedersachsen“. Es wurde dann erst zu Bahnhof spaziert, dann ging es weiter zum Dom. Anfangs waren etwa 150 Leute da, nachher spazierten etwa 300 insgesamt. Der Zug war relativ ruhig, einige Male gab es Rufe nach „Frieden, Freiheit, keine Diktatur“. Am Dom wurden Kerzen entzündet, aber vor allem herumgestanden, ohne Masken und ohne Abstand. Die Polizei war insgesamt mit 5 Wägen vor Ort, mehr als 6 Cops standen aber nicht beim Dom herum. Die Versammlung löste sich dort nach ca. 15 Minuten auf, die Impfgegner*innen zogen in kleinen Gruppe ab. Bemerkenswert sei hier noch die Anwesenheit von 2-4 Faschos, die auch Verbindung zu „Die Rechte“ haben. Diese traten provozierend auf und versuchten, Beobachtende einzuschüchtern.

2. Sarstedt:

In Sarstedt sind die Querdenker in der Vergangenheit durch das Zeigen einer Reichsfahne und durch einen Farbangriff auf die SPD aufgefallen. Es beteiligten sich etwa 30-50 Personen, die vorwiegend Familien waren. Von einem Vorabtreffpunkt aus gingen sie gemeinsam zum Rathaus wo der Aufmarsch begann. Sie wurden von 6 Cops begleitet.

3. Nordstemmen:

In Nordstemmen wird Mittwochabends vom Rathaus aus gelaufen. Hier beteiligten sich bisher bis zu 50 Personen, wobei man sich intern streitet, ob man Maske tragen solle oder nicht.

4. Elze

In Elze wurde zum ersten Mal am 27.12 zu einem Protest am Rathaus aufgerufen. Es beteiligten sich etwa 15 Personen. Die Polizei war mit 2 Streifen vor Ort.

5. Gronau (Leine)

In Gronau fand auch am 27.12 zum ersten Mal ein Spaziergang vom Marktplatz aus statt, an dem sich etwa 25 Personen beteiligten. Die Polizei war mit 2 Streifen vor Ort.

6. Bad Salzdetfurth

In Badse wird auch bereits seit mehreren Montagen aufmarschiert. Etwa 50-100 treffen sich am Kurmittelhaus und laufen versprengt mit Lichtern durch den Ort. Einzelne unorganisierte Neonazis beteiligen sich.

7. Holle

In Holle liefen etwa 20 Personen vom Rathaus aus durch den Ort, es war ein Streifenwagen vor Ort.

8. Alfeld

In Alfeld finden schon seit längerer Zeit Corona-Proteste statt. Der Bundestagskandidat und Stimmungsmacher der Querdenker Partei „Die Basis“ Michael Fritsch, der Polizeibeamter ist, gilt hier als Anführer. Um ihn herum beteiligen sich bis zu 200 Personen an wöchentlich stattfindenden Protesten an den Leinewiesen oder dem Marktplatz. Fritsch wurde jüngst in Dresden wegen Volksverhetzung verurteilt, weil er als Redner auf der Bühne eines großen Querdenken-Protestes mehrfach den Hitlergruß zeigte. Wenig überraschend ist Alfeld deshalb auch einladend für Neonazis. So beteiligten sich mehrere Faschos des KV HI/BS von Die Rechte in Alfeld am Protest. Sie wirkten sichtlich alkoholisiert und verbrachten den restlichen Abend saufend und Rechtsrock hörend vor Kaufland. Ansonsten waren etwa 150 Personen anwesend, begleitet von 3 Streifen und Zivilbeamten.

Rechts: Oliver Schmidt, Die Rechte

Außerdem finden in der Region laut Freien Niedersachsen noch Montagsspaziergänge in Duingen, Coppenbrügge und Springe statt, die wir bisher nicht dokumentieren konnten.

Corona-Wahnwichtel in Hildesheim – Ein Update

Still ist es geworden um die Corona-Wahnwichtel aus Hildesheim, doch das sie dennoch weiterhin aktiv sind und ihr Kernteam sich gefestigt hat, wollen wir mit diesem Beitrag darstellen.

Während sie bis Mai/Juni noch regelmäßige Kundgebungen in der Stadt abhielten (siehe unseren Beitrag), musste „Aufgewacht Hildesheim“ sich dann in den Ehrlicher Park verziehen – auf den Plätzen in der Stadt waren nämlich immer schon von Antifas Veranstaltungen angemeldet. Für die „Aufgewachten“ Hildesheimer hatte das zum einen zur Folge, dass sie an Außenwirkung verloren – ja, ab und an war noch ein Journalist da, aber ansonsten war es das dann auch. Das bedeutete aber auch, dass die 40 und später etwa 20 Leute, die jeden Samstag zum „Wilden Picknick“ auftauchten, Zeit hatten sich intensiv kennenzulernen und eine festere Gruppe zu gründen.

Die Gruppe im Park, („Hilde legt los“) machte es sich zur Aufgabe, einander möglichst viele Verschwörungsmythen zu erzählen. Das Ganze entwickelte sich dann auch schnell sehr esoterisch weiter.

Daran spaltete sich die Gruppe letztendlich. Ein Teil der ursprünglichen „Aufgewacht Hildesheim“ Gruppe hatte wohl mehr Lust auf andere Sachen als picknicken und meditieren. So ist der Gründer des Ganzen, Henrick „Rocko“ Seeger seit Monaten nicht mehr aktiv, weder in ihren Telegramgruppen, noch auf Veranstaltungen.

„Hilde legt los!“, traf sich an Samstagen im Ehrlicher Park. Bis zum Lockdown fanden die Treffen wöchentlich in einem Café statt. Das „Meditieren gegen Corona“, dass von Teilen dieser Gruppe ausging, hat sich mittlerweile auch erledigt.

Ein anderer Teil der ursprünglichen „Aufgewacht“ Gruppe traf sich eine Zeit lang jeden Montag vor dem Rathaus. Meist rauchten sie dort Kette und tranken auch mal ein Bier.

Interne Kommunikation

Als Orte der Kommunikationen dienen derzeit 5 Telegramgruppen oder Channels, wobei diese ständig neu gegründet und alte gelöscht werden, weil man dort Spitzel vermutet. Sie laufen nicht mehr unter dem Titel „Aufgewacht Hildesheim“, sondern unter „Hildesheim denkt laut“, wo die Park Gruppe um Ina Maria („Hirte“), Marleen Schnippkoweit und Tecwyn Williams (Tec) den Ton angibt. Diese Telegramgruppe hat (Stand Ende Oktober 2020) 127 Mitglieder. Dazu gibt es noch einen Infokanal. Außerdem noch eine Gruppe für „Hilde legt los“. Beide Gruppen haben Überschneidungen bei ihren Mitgliedern und arbeiten zusammen.

Holocaust Verharmlosung

Es hat sich in den letzten Wochen gezeigt, dass der Schritt vom Telegrammitglied zum aktiv werden sehr groß ist. Darüber beschweren sich auch die sehr aktiven Mitglieder. So wurden in einem Akt der Selbstüberschätzung 20.000 Flyer bestellt, bei Verteilaktionen sind aber nur höchstens 10 Leute zu motivieren. Der feste Kern von Leuten, die bereit sind, aktivistisch tätig zu sein ist also klein, wurde aber in den letzten Monaten durchaus zusammengeschweißt. So waren Leute aus Hildesheim bei Demonstrationen in Berlin und Hannover. Auch bei Demos in Hameln, Leipzig oder Braunschweig sind die Hildesheimer*innen unterwegs.

Inhaltliche Ausrichtung

Bundesweit lässt sich ein Strategiewechsel in dieser Bewegung verzeichnen, nämlich die Gründung von Gruppen unter dem Namen „Schwarze Wahrheit“. Klingt erstmal seltsam – ist es auch. Diese Menschen wollen ihre Empörung und ihre Kritik noch deutlicher auf die Straße bringen. Dafür sind sie auf der Suche nach neuen, aufsehenerregenden Formen des Protests. Grade finden sie „Schweigemärsche“ interessant. Das heißt, sie laufen durch die Stadt, entweder als angemeldete Demo oder spontan, und sagen dabei kein Wort, sondern haben Schilder dabei. Ein anderer Ansatz von ihnen ist es, die Corona Maßnahmen ins Lächerliche zu ziehen, indem sie penibel umgesetzt werden. Riesige Masken, Badenudeln als Abstandshalter usw. werden dabei eingesetzt.

Generell ist es natürlich erstmal super, wenn diese Leute mal den Mund halten. Angenehmer auf jeden Fall, als wenn sie ihre Verschwörungsmythen durch die Gegend schreien ist so ein „Schweigemarsch“ auf jeden Fall. Allerdings heißt das nicht, dass sie nicht trotzdem ekelhafte Meinungen vertreten können. Zum Beispiel hat „Schwarze Wahrheit Hildesheim“ bei einer Aktion, bei der sie mit ca. 10 Leuten durch die Stadt gelaufen sind, Maleranzüge getragen, auf die zum Beispiel „Impfen macht frei“ geschrieben war. Dass dieser Spruch angelehnt ist an die Lösung des KZ Dachau „Arbeit macht frei“ und ist damit in direktem Bezug auf den Nationalsozialismus gewählt. Mit Aussagen, wie diesen wird die Shoah relativiert, Impfungen werden gleichgesetzt mit Verbrechen an der Menschlichkeit. Solche Aussagen finden sich auch immer wieder in den Chats der „Aufgewachten“. Es finden sich „Judensterne“ mit der Aufschrift „ungeimpft“, eine weitere Relativierung der Verbrechen an Jüd*innen im Nationalsozialismus. Antisemitische Aussagen zu den „Zionisten“, die hinter der Pandemie stecken würden und sowieso alle Fäden in der Hand halten würden kommen oft vor. Rassistische Aussagen stehen ebenfalls auf der Tagesordnung. Diese Aussagen kommen meist von einigen wenigen Menschen in den Chats, aber widersprochen wurde bisher noch nicht einmal!

Auch Verschwörungsmythen werden regelmäßig bedient. 5G, Zwangsimpfungen, Chips, die Bill Gates uns allen implantieren will, Jeff Bezos und Bill Gates als Alleinherrscher der Welt, Qanon. All diese Themen vertreten die Mitglieder dieser Gruppen. Dazu kommen Gewaltfantasien und Bürgerkriegsszenarien, die heraufbeschworen werden.

Rassismus in der Gruppe

Fazit

Der Hildesheimer Ableger der sogenannten Hygienedemos hat sich in den letzten Monaten also vor allem stabilisiert, es gibt ein festes Kernteam. Auch wenn die Telegramgruppen wachsen, sind nicht besonders viele Menschen aktiv. Die Hildesheimer*innen fahren gerne und viel zu auswärtigen Demos, innerhalb von Hildesheim steht die interne Vernetzung bislang im Vordergrund. Sie haben kaum Rückhalt in der Bevölkerung. Es bleibt abzuwarten, wie ihre neuen Strategien aufgehen. So oder so werden in den Gruppen Menschen radikalisiert, sie sind ein gefährliches Fass an Verschwörungsmythen, Antisemitismus, Rassismus und Gewaltfantasien. Die überwiegende Mehrheit in diesen Gruppen trägt wenig in den Chats bei, widerspricht aber auch nie, wenn menschenverachtende Thesen geäußert werden.

Wir werden die Gruppen weiterhin beobachten.

Aufgewacht Hildesheim

Was sind das für Leute?

In Hildesheim findet sich seit dem 18.04.20 jeden Samstag ein Sammelsurium an Menschen zu regelmäßigen Kundgebungen um 10 Uhr auf der Lilie zusammen. Die Menschen kann man als durchaus heterogene Masse beschreiben. Was sie alle vereint ist, dass sie sich über die Maßnahmen der Regierung aufregen, die getroffen wurden, um die Ausbreitung der Covid19 Pandemie zu verlangsamen. Im Großen und Ganzen fanden sich bei den bisherigen Aktionen einige versprengte unorganisierte Linke, esoterische, religiöse, verschwörungsideologische, liberale oder auch rechte Leute ein. Die Redebeiträge drehten sich zumeist darum, dass Maßnahmen zu hart seien, eine Impfpflicht dem Faschismus gleich komme, alles eine große Lüge von den Mächtigen sei, niemand mehr in die Kirche gehe und die Medien nicht wahrheitsgemäß berichten würden. Im Laufe der Zeit hat sich Organisationsstruktur geändert und sich mittlerweile ein Kernteam von etwa 15 Leuten gebildet, die vor allem als rechts und verschwörungsideologisch einzustufen sind.

NS-Relativierung

Diesen antidemokratischen Nährboden wussten Rechte von Anfang an zu nutzen. Bei der ersten Kundgebung am 18.04. fiel ein Mann auf, der mündlich und schriftlich in Flyerform Propaganda einer rechts esoterischen Sekte um den Südtiroler Heinz Grill verbreitete. Er brachte den Vergleich an, dass zu NS Zeiten Millionen von Körpern ausgelöscht wurden und nun die Zeit sei, in der die Regierung Millionen Seelen umbringen würde. Eine Relativierung des Holocaust, an der sich nicht gestört wurde. Der Versammlungsleiter Jens Stenzel aus Sibbesse griff nicht ein und widersprach auch nicht.

Im Gegenteil stellt auch er, der er stellv. Vorsitzender der Hildesheimer FDP war, in einem Interview mit der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung den Vergleich auf, dass die jetzige Situation gleich derer wäre, in der das Ermächtigungsgesetz erlassen wurde und Hitler sämtliche Machtbefugnisse gegeben wurden. In der Orgagruppe „Aufgewacht Hildesheim“ zieht ein User einen weiteren Vergleich zur NS-Zeit, bei dem man nicht lang suchen muss, um den Antisemitismus zu erkennen: So sieht er in einer kommenden Impfpflicht die Auswirkung, dass jeder Verweigerer der Impfung einen Judenstern zu tragen habe.

Auftritt von Johannes Welge

Bei der zweiten Kundgebung von „Aufgewacht Hildesheim“ am 02.05.2020 auf der Lilie trat der bekannteste Hildesheimer Rechtsextreme Johannes Welge, seines Zeichens Vorsitzender des Kreisverbandes Hildesheim/Braunschweig der faschistischen Partei „Die Rechte“ als Redner auf. Er verpackte die polizeilichen Maßnahmen gegen die extreme Rechte, wie zum Beispiel das Verbot geplanter Naziaufmärsche am 1.Mai, als Unterdrückung gegen kritische Stimmen. Darüber hinaus erntete er Applaus als er kritisierte, dass seinen Kameraden von DIE RECHTE Einbeck vor Kurzem vom SEK die Wohnung gestürmt wurde und Waffen sichergestellt wurden.

Spätestens hier hätte man die Gesinnung von Welge bemerken können. Stenzel, der zwar zum einen gegenüber der HiaZ bekundete, sich im Vorfeld um der Möglichkeit „Extremisten“ können die Kundgebung für ihre Zwecke nutzen Gedanken gemacht zu haben, ihm wäre Welge aber andererseits gänzlich unbekannt gewesen. Was dabei merkwürdig erscheint, ist, dass Johannes Welge mit seinem Facebookaccount Wohannes Jelge einige Tage vor der Demo mit Stenzel in Kontakt trat und ihm anbot, eine Anlage für die Kundgebung zu besorgen.

Im Nachgang wurde von der antifaschistischen Gruppe AFK37 aus Hildesheim eine Presserundmail verfasst und der Vorfall auf Facebook bekannt gemacht. Er schlug hohe Wellen und die Hiaz befragte den Organisator Stenzel umgehend nach seiner Einschätzung. Dieser beteuerte, keine Propaganda in Welges Rede gesehen zu haben und kommentierte den Vorfall im Allgemeinen mit einem „Was ist daran so schlimm?“.

Die Rolle der FDP

Besondere realpolitische Brisanz bekommt die ganze Geschichte durch die parteipolitische Zugehörigkeit Jens Stenzels zur FDP. Er meldete die Versammlung zwar als Privatperson an, jedoch übernahmen auch Parteikollegen wie der Vorsitzende Henrik Jacobs Ordnerfunktionen bei der Kundgebung. Nach der ersten Kundgebung, bei dem sich bereits verschwörungstheoretische Inhalte und die starke Nähe zu Impfgegnern zeigte, äußerte die Hildesheimer FDP in einer Erklärung an die Hiaz sogar noch vollste Unterstützung der Aktivität Stenzels und der Kundgebungen. Nach dem Bekanntwerden des Auftretens eines Faschisten bestand das Krisenmanagement der FDP zunächst darin, sich in einer Mini-Erklärung von der Kundgebung und Rechtsextremismus zu distanzieren. Nach weiterem öffentlichen Druck wurde nach Tagen des Schweigens die Entscheidung verkündet, dass Jens Stenzel von all seinen Parteiämtern zurücktrete. Eine Rettung in letzter Sekunde könnte man sagen.

Übernahme durch Verschwörungsideologen und weitere Aktionen

Nachdem Stenzel und die FDP für die Orga nun aus dem Rennen sind, übernahmen besonders engagierte Kundgebungsteilnehmer*innen die weitere Orga der Kundgebungen. Als Kopf der Gruppe nach Innen und Außen gilt der Student Hendrik Seege (alias Rocco).

Rocco, Chef der Truppe, im Gespräch mit dem Einsatzleiter

Um ihn herum gibt es ein etwa 15-köpfiges Orgateam mit internem Telegram Chat. Eine Aktion, die in der internen Gruppe vorbereitet wurde, sorgte nun in Hildesheim für Aufsehen.

So betrat das Mitglied Tecwyn Williams (alias Tec) der Orgagruppe am 13.05.2020 einen Nettomarkt und setzte sich demonstrativ keinen Mund-Nasenschutz auf. Er fing eine Diskussion mit Personal und Kundschaft des Ladens an und verteidigte sein egoistisches Handeln politisch mit dem Grundgesetz.

Tec auf Kundgebung von Aufgewacht Hildesheim

Eine weitere Aktionsform der Gruppe sind gemeinsame öffentliche Meditationen mit Klangschale und „tief in die Augen sehen“, welche in regelmäßigen Abständen auf dem Marktplatz stattfinden. Dazu gab es in den letzten 2 Wochen eine Dauermahnwache, täglich von 10.00 – 17.30 Uhr auf der Lilie.

Es bleibt zu sagen, dass das Highlight der Woche die samstägliche Kundgebung um 10 Uhr auf der Lilie ist. Werbemittel und Infrastruktur für die Kundgebungen werden unter anderem auch von Torsten Paulitz, welcher Betreiber einer Hildesheimer Werbefirma ist, beigesteuert. Dieser fällt auf Facebook durch extrem rechte Hetze auf und ist bei den Aufgewacht Kundgebungen aggressiv gegenüber Presse und Gegenprotest aufgetreten.

Torsten Paulitz ist bei jeder Kundgebung als Ordner tätig

Extrem rechte Inhalte im Chat

Uns ist es gelungen mehrere Wochen den internen Chat der Gruppe mitzulesen. Dabei sind extrem Rechte und verschwörungsideologische Inhalte unkommentiert, bzw. sogar mit Zustimmung der anderen Gruppenmitglieder geteilt worden.

So fordert der Chef der Truppe, Rokko, bei der Kundgebung die Antifa zu verprügeln und bekam darauf sehr amüsierte, positive Reaktionen. Das geht wohl darauf zurück, dass antifaschistische Netzwerke überall und auch in Hildesheim auf die extrem rechten Verstrickungen der Verschwörungstheorie-Demos hinweist.

Weiter wurde fantasiert, wie man, wenn die „Bewegung“ erstmal stärker wäre, „Merkel sprengen“ könnte. Auch hier gab es nur Zuspruch aus der Gruppe.

Antisemitische Äußerungen werden sowohl in den öffentlichen Telegramgruppen, als auch in der internen Planungsgruppe geäußert. Da ist dann die Rede von den „okkultistischen Mathematikern von der Ostküste der USA“, ein klassisches Bild in der Vorstellung von Antisemiten. Weiterhin werden auf allen Kanälen Rechte wie Ken Jebsen als seriöse Quellen empfohlen.

Rocko, der führende Kopf der Gruppe, wollte sich auch auf Nachfrage nicht eindeutig von Rechtsextremen abgrenzen. Solang sie keine Parteifahne hätten, wären sie willkommen, da sie die Masse vergrößern würden. „Aufgewacht Hildesheim“ ist also ganz eindeutig rechtsoffen, hat teilweise selbst rechte und klar antisemitische Inhalte. Diese Gruppe, die von sich selbst behauptet, sie seien „nicht links oder rechts, wir sind Menschen“, ist durchsetzt von Menschen mit geschlossen rechtem, antisemitischen Weltbild, wie eine kurze Facebook Suche ergibt. Dazu sind die geäußerten Gewaltphantasien beunruhigend.

Selbst wenn jemand wie Welge dort nicht mehr auftritt, erkennen wir die Gruppe und die Veranstaltungen als Problem.

Wir werden die weiteren Aktivitäten der Gruppe weiter aufmerksam verfolgen.