Der Alfelder Ex-Polizist Michael Fritsch hat eine steile Karriere im extrem rechten Milieu hingelegt, vom Querdenker hin zum Reichsbürger hinter Gittern.
Nachdem er zunächst lokal Mahnwachen gegen die Coronaschutzmaßnahmen in Alfeld organisierte, wurde er in seiner Rolle als Polizist schnell auf zahlreiche Bühnen eingeladen. Als „Schutzmann mit Herz und Hirn“ sprach er vor tausenden Querdenker*innen in der gesamten Republik. Bei einer Kundgebung in Dresden zeigte er auf der Bühne den Hitlergruß, wofür er strafrechtlich belangt wurde. Im Jahr 2021 trat er auf Listenplatz 1 für die Partei „Die BASIS“ zur Bundestagswahl an.
Aufgrund seiner Betätigung in extrem rechten Kreisen wurde Fritsch nach 4 Jahrzehnten aus dem Polizeidienst entfernt. Das Ende der Fahnenstange war hier jedoch nicht erreicht. Er war fortan Teil der „Patriotischen Union“, um Heinrich Preuß, welche einen Putsch in Deutschland geplant haben soll. Michael Fritsch war die Rolle des Innenministers zugesichert, sollte die Gruppe mit ihren Plänen Erfolg haben. Mehrere Geheimdienste nahmen die Gruppe ins Visier, es gab zahlreiche Razzien. Über 380 Schusswaffen, 350 Hieb- und Stichwaffen und zig tausende Schuss Munition, wurden bei der Gruppe sichergestellt. Auch Michael Fritsch wurde im Dezember 2022 festgenommen. Der Gruppe wird nun der Prozess gemacht.
Michael Fritsch auf einer Querdenken Kundgebung in Dortmund, Sommer 2020Michael Fritsch vor Gericht
In diesem Artikel wollen wir uns dem Spektrum der Reichsbürger widmen und beleuchten, welche Strukturen und Personen in Hildesheim eine Rolle spielen. Die vorgestellten Gruppen eint die gemeinsame Vorstellung, das deutsche Kaiserreich würde in seinen Grenzen und Gesetzen der Reichsgründung von 1871 bzw. 1937 weiter bestehen. Sie lehnen die Gesetze und Verfassung der Bundesrepublik konsequent ab und bedienen sich Ideologieelementen des Monarchismus, Geschichtsrevisionismus, Antisemitismus, Rassismus, Esoterik und der Holocaustleugnung. Die Szene der Reichsbürger gilt als zersplittert und die Organisierung findet in kleineren sektenähnlichen Strukturen statt. Im Folgenden sollen die uns bekannten Hildesheimer Ableger vorgestellt werden.
Querdenker werden zu Reichsbürgern
Der aktuell wohl aktivste Teil an Reichsbürgern in Hildesheim kommt aus der Querdenkenszene. Einzelpersonen und lose Zusammenschlüsse von Verschwörungsideolog*innen steigerten sich im Laufe der Coronapandemie in eine Welt der falschen Tatsachen und Verschwörungsmythen. So fällt der in Hildesheim verbliebene Rest der Pandemieleugner durch immer extremere Inhalte rechten, esoterischen und antidemokratischen Gedankenguts auf. Die wohl bekannteste Führungsfigur ist der alfelder Ex-Polizist Michael Fritsch, welcher für die Querdenken-Partei „Die Basis“ auf Listenplatz 1 in Niedersachsen für den Bundestag kandidierte. Auch bei ihm konnte eine zunehmende Radikalisierung vom Querdenker hin zum Reichsbürger beobachtet werden, bis er schließlich im Rahmen der bundesweiten Razzien mehrerer Geheimdienste zur Reichsbürgergruppe um Heinrich Reuß Anfang Dezember festgenommen wurde.
Michael Fritsch als Kandidat für die Querdenken-Partei „Die Basis“ zur Bundestagswahl 2021 Foto: Alfelder Zeitung
Doch im Sumpf der Hildesheimer Querdenken-Bewegung tun sich auch andere Einzelpersonen hervor. Bereits bei den Hildesheimer Montagsspaziergängen ist eine Gruppe aufgefallen, die besonders aggressiv auftrat und in den Telegram Chats rechte Inhalte platzierte. Tecwyn Williams wurde bereits mehrfach von uns in Bezug auf rechte Impfgegner erwähnt. Ebenfalls zu nennen sind Matthias Jünemann und Maik Juhe. Derzeit treten die beiden öfter auf verschiedenen Veranstaltungen der Querdenker, neuen Rechten und Reichsbürgerszene auf. So besuchten sie beispielsweise gemeinsam eine Demonstration der neuen Rechten um Jürgen Elsässer unter dem Motto „Ami go home“ am 26.11.2022 in Leipzig.
Maik Juhe (Links) und Matthias Jünemann auf einer rechten Demonstration in Leipzig
1871 Friedensboten – B1
Die Reichsbürger der Gruppe „1871 Friedensboten“ hatten das Format des stillen Protestes für sich entdeckt. Dabei stellen sie sich entlang von Bundesstraßen auf und halten ihre Fahnen in die Luft. In der Hildesheimer Region sammelten sich vom 13. November 2021 bis 2024 samstagmittags Reichsbürger aus Süd-Ost Niedersachsen an der B1 bei Groß Lafferde. Dabei standen die etwa 10 Personen mit Reichsfahnen auf dem Radweg und winken vorbei fahrenden Autos. Als Organisator gilt der Ilseder Karl Norbert Richter.
Karl Norbert Richter aus Ilsede ist der Anführer der Truppe
Ewiger Bund und VHD
Der Ewige Bund wurde 2018 gegründet und sieht sich in dem Glauben, der Kriegs- und Belagerungszustand von 1914 würde bis heute andauern. Um Mitglied der Organisation zu werden, muss man zunächst eine Grundlagenschulung absolvieren und seine Herkunft als Deutscher mit offiziellen Papieren nachweisen. Anschließend ist man verpflichtet sich beim Vaterländischen Hilfsdienst (VHD) zu melden. Dieser ist in 24 Armeekorpsbezirke aufgeteilt, wobei Hildesheim in den Bezirk 10 – Hannover fällt.
In Hildesheim ist der Ewige Bund bisher aufgefallen, als sie Kerzen am Galgenberg zu einem Gedenktag abstellten. Etwa 10 Hildesheimer*innen scheinen sich an der Organisation zu orientieren und führten eine Versammlung am 31.7.2022 am Bismarckturm in Hildesheim durch. Aufgerufen wurde vom Ewigen Bund an den Denkmälern mit Fackeln gegen „108 Jahre Belagerungszustand“ zu demonstrieren. Außerdem fand mindestens ein Treffen des VHD in Barienrode bei Manuela Pflugmacher zu Hause statt.
Exilregierung deutsches Reich
Die 2004 gegründete Exilregierung Deutsches Reich sieht sich in Folge einer 2004 stattgefundenen „verfassungsgebenden Versammlung“ als die wirkliche Regierung. Als Reichskanzler wurde der Hildesheimer Norbert Schittke ernannt, der mittlerweile in Egenstedt (Landkreis Hildesheim) wohnhaft ist. Zuvor wohnte er in der Hildesheimer Oststadt, wo er bis zur Zwangsversteigerung der verwahrlosten Immobilie ein Kontaktbüro zur Reichsregierung betrieb. In jüngster Vergangenheit musste er sich wegen Urkundenfälschung vor dem Hildesheimer Amtsgericht verantworten, nachdem er eigene Pässe und Führerscheine verkauft hatte, wie die Hildesheimer Allgemeine Zeitung berichtete. Er ist Betreiber der Internetseite Friedensvertrag.info, auf der er seine Dekrete und Verschwörungsmythen publik macht.
Der Reichskanzler in Uniform
Germaniten
Die Germaniten sehen sich als einen unabhängigen Staat in den Reichsgrenzen von 1937, in dem das „indigene Volk der Gemaniten“ lebe. In Hildesheim haben die Germaniten im Rahmen einer 2022 stattgefunden Vortragstour Halt gemacht. Am 27.07.2022 fand in Bad Salzdetfurth eine geschlossene Veranstaltung mit etwa 40 Teilnehmenden aus Hildesheim, Braunschweig und Hannover statt, bei der die Rednerin Uta Brüne ihre Thesen zum Besten gab.
Die Referentin Uta Brüne links mit Teilnehmenden bei einem Vortrag der Germaniten am 27.07.2022 in Bad Salzdetfurth
Wir dokumentieren die jüngsten Entwicklungen hinsichtlich der Hildesheimer „Querdenken“ Szene. In einem älteren Beitrag finden sich weitere Infos zu Struktur und Ausrichtung der Hildesheimer Querdenker.
Angemeldet und angeführt von Heidi Bolduan aus der Nordstadt finden seit Monaten jeden Samstag Demonstrationen der Hildesheimer Querdenker Szene statt. Es wird jeden Samstag um 14 Uhr am Hbf gestartet und mit 20-50 Personen eine kleine Runde durch die Innenstadt gelaufen, wobei für „die Rechte unserer Kinder“ demonstriert wird. Besondere Außenwirkung hat die Gruppe nicht. Im Kern sind es auch jeden Samstag die gleichen Personen. Als aggressiv fällt im Rahmen dieser Proteste immer wieder der ehemalige Volksschullehrer Tecwyn Williams auf.
Tecwyn Williams
Eine größere Mobilisierung blieb bisher aus, doch Anfang Dezember 2021 konnten die Querdenker noch einmal einen Erfolg erzielen. Die samstäglichen Spaziergänge wurden immer mehr zum Flop, zuletzt (24.12) waren nur noch 11 Personen anwesend. Stattdessen werden die Montagabende nun spannender:
Die „Freien Niedersachsen“, die ein Telegram Infokanal sind, organisieren mittlerweile in zahlreichen Städten und Dörfern im Landkreis Hildesheim Montagsspaziergänge. Wir haben sämtliche Spaziergänge im Landkreis am 27.12 angeschaut und folgendes beobachtet:
1. Hildesheim:
In Hildesheim startete der „Spaziergang“ um 18.00 Uhr an der Andreaskirche. Beworben wurde auch diese Veranstaltung vorher von den „Freie Niedersachsen“. Es wurde dann erst zu Bahnhof spaziert, dann ging es weiter zum Dom. Anfangs waren etwa 150 Leute da, nachher spazierten etwa 300 insgesamt. Der Zug war relativ ruhig, einige Male gab es Rufe nach „Frieden, Freiheit, keine Diktatur“. Am Dom wurden Kerzen entzündet, aber vor allem herumgestanden, ohne Masken und ohne Abstand. Die Polizei war insgesamt mit 5 Wägen vor Ort, mehr als 6 Cops standen aber nicht beim Dom herum. Die Versammlung löste sich dort nach ca. 15 Minuten auf, die Impfgegner*innen zogen in kleinen Gruppe ab. Bemerkenswert sei hier noch die Anwesenheit von 2-4 Faschos, die auch Verbindung zu „Die Rechte“ haben. Diese traten provozierend auf und versuchten, Beobachtende einzuschüchtern.
2. Sarstedt:
In Sarstedt sind die Querdenker in der Vergangenheit durch das Zeigen einer Reichsfahne und durch einen Farbangriff auf die SPD aufgefallen. Es beteiligten sich etwa 30-50 Personen, die vorwiegend Familien waren. Von einem Vorabtreffpunkt aus gingen sie gemeinsam zum Rathaus wo der Aufmarsch begann. Sie wurden von 6 Cops begleitet.
3. Nordstemmen:
In Nordstemmen wird Mittwochabends vom Rathaus aus gelaufen. Hier beteiligten sich bisher bis zu 50 Personen, wobei man sich intern streitet, ob man Maske tragen solle oder nicht.
4. Elze
In Elze wurde zum ersten Mal am 27.12 zu einem Protest am Rathaus aufgerufen. Es beteiligten sich etwa 15 Personen. Die Polizei war mit 2 Streifen vor Ort.
5. Gronau (Leine)
In Gronau fand auch am 27.12 zum ersten Mal ein Spaziergang vom Marktplatz aus statt, an dem sich etwa 25 Personen beteiligten. Die Polizei war mit 2 Streifen vor Ort.
6. Bad Salzdetfurth
In Badse wird auch bereits seit mehreren Montagen aufmarschiert. Etwa 50-100 treffen sich am Kurmittelhaus und laufen versprengt mit Lichtern durch den Ort. Einzelne unorganisierte Neonazis beteiligen sich.
7. Holle
In Holle liefen etwa 20 Personen vom Rathaus aus durch den Ort, es war ein Streifenwagen vor Ort.
8. Alfeld
In Alfeld finden schon seit längerer Zeit Corona-Proteste statt. Der Bundestagskandidat und Stimmungsmacher der Querdenker Partei „Die Basis“ Michael Fritsch, der Polizeibeamter ist, gilt hier als Anführer. Um ihn herum beteiligen sich bis zu 200 Personen an wöchentlich stattfindenden Protesten an den Leinewiesen oder dem Marktplatz. Fritsch wurde jüngst in Dresden wegen Volksverhetzung verurteilt, weil er als Redner auf der Bühne eines großen Querdenken-Protestes mehrfach den Hitlergruß zeigte. Wenig überraschend ist Alfeld deshalb auch einladend für Neonazis. So beteiligten sich mehrere Faschos des KV HI/BS von Die Rechte in Alfeld am Protest. Sie wirkten sichtlich alkoholisiert und verbrachten den restlichen Abend saufend und Rechtsrock hörend vor Kaufland. Ansonsten waren etwa 150 Personen anwesend, begleitet von 3 Streifen und Zivilbeamten.
Rechts: Oliver Schmidt, Die Rechte
Außerdem finden in der Region laut Freien Niedersachsen noch Montagsspaziergänge in Duingen, Coppenbrügge und Springe statt, die wir bisher nicht dokumentieren konnten.